18. August 2020

Erstklässler-Schwimmkurse

Berichte: Lutz Rector Wilhelmshavener Zeitung

Jeder zweite Grundschüler kann nicht richtig schwimmen, bei Erstklässlern ist der Anteil noch größer. Hier setzt ein Projekt des Stadtsportbundes mit seinen Unterstützern an.

Gut 600 Kinder werden in Wilhelmshaven jährlich eingeschult. Die meisten davon können noch nicht schwimmen. Doch die Kapazitäten von Schwimmvereinen und anderen Anbietern von Schwimmkursen (etwa DLRG, VHS oder Nautimo) reichen für gerade einmal 300 Kinder pro Jahr – und das sind nicht nur Grundschüler. Dieses dramatische Missverhältnis soll nun aufgebrochen werden.

Unter dem Namen „Seepferdchenprojekt“ hat der Stadtsportbund (SSB) mit verschiedenen Partnern ein neues Konzept auf den Weg gebracht. Wie in jedem Jahr erhalten alle jetzt zur Einschulung anstehenden Erstklässler vom SSB einen Gutschein. Konnten damit bisher für ein Vierteljahr kostenfrei verschiedene Vereinssportarten ausprobiert werden, verbunden mit dem Ziel, die Kinder nachhaltig dafür zu begeistern, dienen die Gutscheine in diesem Jahr ausschließlich dem Absolvieren eines Schwimmkurses.

Grosser Bedarf

„Der Bedarf an Schwimmkursen ist auch in Wilhelmshaven groß. Das zeigen die langen Wartelisten der Anbieter“, erklärt Hartmuth Sager, Geschäftsstellenleiter vom Stadtsportbund (SSB). Diese Erkenntnis sei nicht neu, wohl aber die vom SSB gestartete Initiative, mit der das Problem angegangen wird.

Zusätzlich zu bestehenden Kursangeboten der verschiedenen Anbieter wird es noch in diesem Jahr 30 zusätzliche geben – jeweils für zehn Kinder, zudem ausschließlich beschränkt auf Erstklässler. Der SSB bezuschusst die Kursgebühr von 90 Euro mit jeweils 40 Euro, insgesamt also mit 12 000 Euro.

Viel Unterstützung

Um diese Summe stemmen zu können, hat sich der Stadtsportbund auf die Suche nach Projektpartnern gemacht und wurde schnell fündig. „Es hat gerade einmal zwei Wochen gedauert, da hatten wir das Geld bereits zusammen“, so Sager.

Neben dem SSB, „Schwimm Alter“ (Jan Alter betreibt unter anderem das Lehrschwimmbecken in Altengroden) und dem Nautimo als zentrale Träger des Konzeptes, beteiligen sich die GEW, die OLB-Treuhandstiftung, die Evangelisch-Lutherische Kirche Neuende, der Lionsclub Wilhelmshaven und die Stadt Wilhelmshaven mit Finanzspritzen unterschiedlicher Höhe an dem Projekt.

Dieser Erfolg des ersten „Seepferdchenprojekts“ soll aber nur der Anfang einer Welle gegen das Nichtschwimmen sein. „Ziel ist es, die Geschichte zu einem langlebigen, möglichst dauerhaften Projekt zu machen“, erklärt Sager. Das heißt, der SSB als Initiator ist weiterhin auf der Suche nach Unterstützern und Partnern, um das Konzept 2021 fortsetzen zu können. 

Bundesweit gibt es immer weniger Schwimmbäder und damit verbunden auch weniger Schwimmkurse. Das zeigt eine vom DLRG in Auftrag gegebene Statistik, weiß Hartmuth Sager, Geschäftsstellenleiter des Stadtsportbundes (SSB). Das habe zur Folge, dass inzwischen nicht einmal mehr die Hälfte der Grundschüler richtig schwimmen könne.

In Wilhelmshaven sei diese Entwicklung zwar nicht so deutlich ausgeprägt, trotzdem habe sich die Schere zwischen Angebot und Nachfrage sukzessive geöffnet. „Dafür gibt es zwei zentrale Gründe: Zum einen fehlende Wasserzeiten und zum anderen zu wenig Ausbilder“, erklärt Sager. Diese Defizite habe man in der jüngeren Vergangenheit einfach nicht abbauen können. „Alle Vereine und andere Anbieter von Schwimmkursen arbeiten am Limit, bieten so viele Kurse an, wie sie können. Trotzdem reicht es nicht. Und die Wartelisten sind lang!“

Bereits vor drei Jahren wies der Stadtsportbund im zuständigen Ausschuss nachdrücklich auf die Problematik hin. Geändert aber habe sich seither nichts, betont Sager. Das habe den SSB dazu bewogen, sich nicht nur erneut des Themas anzunehmen, sondern auch selbst initiativ zu werden. „Es ist ja relativ klar: Um mehr Kindern das Schwimmen beibringen zu können, braucht es mehr Kurse. Das ist wiederum nur durch eine Erhöhung der Wasserzeiten und mehr Ausbilder zu schaffen“, so Sager.

Gemeinsam mit Jan Alter, der für das Lernschwimmbad Altengroden sowie die Freibäder Nord und Tettens verantwortlich zeichnet, und dem Nautimo hat der SSB in Person vom Hartmuth Sager ein „Konzept zur Steigerung der Schwimmausbildung in Wilhelmshaven“ entwickelt, das sich gezielt an Erstklässler richtet. Basis sind die Ausweitung von Wasserzeiten und eine Optimierung beim Personaleinsatz.

Aber wo kommen plötzlich die zusätzlichen Zeiten her? „Es ist noch immer so, dass im Lehrschwimmbecken Altengroden unter der Woche alle Termine belegt sind. Dafür gibt es nach Ansicht von Jan Alter aber sonntags Kapazitäten“, erläutert Sager. Genau die wolle man gemeinsam nutzen – und das schon ab den Herbstferien. Gleich fünf Kurse werden pro Sonntag angeboten, jeweils eine Stunde in zehn aufeinanderfolgenden Wochen. Die Termine sind bereits festgezurrt. Hinzu kommen weitere Angebote im Nautimo. „Wir können jetzt zunächst einmal 30 Kurse für jeweils zehn Kinder anbieten“, freut sich Sager. Das dafür nötige Personal stellen das Nautimo und Jan Alter, der durch einen neuen langfristigen Vertrag für das Freibad Nord zusätzliche Kräfte einstellen kann.

Die Kosten pro Kurs betragen 90 Euro, 40 Euro davon steuert der Stadtsportbund mit seinen schon bekannten Erstklässlergutscheinen (jetzt: Seepferdchen-Gutschein) bei, die jeder ABC-Schütze in Kürze bekommt. Bei 300 potenziellen Teilnehmern beträgt der Zuschuss also 12 000 Euro.

Wie gut das Konzept funktioniert, liegt auch in der Verantwortung der Eltern. Sie müssen ihr Kind mit dem Seepferdchen-Gutschein für Erstklässler anmelden, entweder unter www.schwimmalter.de oder per E-Mail im Nautimo unter kurse@nautimo.de. Darüber hinaus sind die übrigen Kursgebühren in Höhe von 50 Euro zu tragen.

Sollten die Zuschüsse über den SSB nicht ausgeschöpft werden, bilden sie bereits den Grundstock für das kommende Jahr, wenn den ABC-Schützen 2021/22 das Schwimmen beigebracht und mit dem Ablegen des Seepferdchens auch zertifiziert wird.